Afghanische Musik: Ein Hörführer durch Rubab, Ghazal, Attan und regionale Traditionen
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Kapitel 04

Ghazal, Kharabat, Radio und populäre Musik

Eine gesungene Zeile kann in der afghanischen Musik jahrhundertealte Dichtung und zugleich den unverkennbaren Schliff eines Studios des 20. Jahrhunderts tragen. Kabuls professionelle Traditionslinien, die Aufführung des Ghazal, der nationale Rundfunk und der Kassettenmarkt bildeten eine Kette fortgesetzter Neuerfindungen.

Dichtung in der Stimme

Am Anfang des Ghazal steht eine Gedichtform mit langer Geschichte im persisch geprägten Kulturraum. In der Aufführung wird das Gedicht zu Atem, melodischem Bogen, Zeitgestaltung und Verzierung. Eine Sängerin oder ein Sänger kann bei einem Wort verweilen, mit neuer Betonung zu einer Zeile zurückkehren oder die Spannung in einer instrumentalen Antwort lösen. Text, Komposition, gesangliche Deutung und Arrangement bilden je eigene schöpferische Ebenen, auch wenn sie uns als nahtloses Lied erreichen.

Der afghanische Ghazal entwickelte sich aus lokalen Stimmen und aus weitreichenden Beziehungen zur Musik des persisch geprägten Kulturraums und Südasiens. Musiker in Kabul arbeiteten mit melodischen Modi und rhythmischen Zyklen, die mit Raga und Tala verbunden sind, und formten dabei eigene Kompositionen, Ausspracheweisen und Aufführungskonventionen. „Afghanische klassische Musik“ bezeichnet oft diese professionelle Kunstmusikwelt, obwohl die Kategorie höchst unterschiedliche Hörerfahrungen einschließen kann: ein ausgedehntes Rubab-Rezital, eine konzentrierte Gesangsdarbietung oder ein für das Radio gestaltetes Studiolied.

Kharabat steht nahe dem Mittelpunkt dieser Geschichte. Der Name meint mehr als einen Punkt auf dem Stadtplan: Er ruft Familien und Netzwerke professioneller Musiker, gemeinsames Repertoire, Lehrverhältnisse und Erinnerung auf. Die Tradition wandelte sich mit den Höfen, öffentlichen Konzerten und dem Radio. Ihre Kraft lag in der Fähigkeit der Musiker, detailliertes Wissen in neue Zusammenhänge mitzunehmen.

Ustad Sarahang öffnet einen Weg zur afghanischen vokalen Kunstmusik, in der Dichtung und musikalische Meisterschaft zusammentreffen. Ustad Mohammad Omar verleiht der Rubab eine souveräne Konzertstimme. Farida Mahwash zeigt, wie Dichtung, populäres Lied und geschulte Musikalität im Zeitalter des Radios zueinanderfinden konnten. Ahmad Zahirs weithin verbreitete Popsongs gehören zu einem anderen Register der modernen afghanischen Klangwelt. Zusammen bieten diese Künstlerinnen und Künstler Einstiege in verschiedene Epochen und Institutionen – keinen abgeschlossenen nationalen Kanon.

Vier Aufnahmen machen die Unterschiede hörbar. Bei Sarahang bietet sich zunächst „Lovers' Desire“ vom Folkways-Album Music of Afghanistan aus dem Jahr 1961 an: Über acht Minuten hinweg deutet er eine Gedichtzeile durch Verzierungen und rhythmische Verzögerung immer wieder neu. Mohammad Omar begegnet uns in „Emen / Tintal“ aus dem 1974 mitgeschnittenen und als Virtuoso from Afghanistan veröffentlichten Konzert; der Übergang vom freien Shakal zu einem Zyklus aus sechzehn Schlägen legt die Architektur seines Rubab-Spiels offen. Radio Kaboul von Mahwash bringt die Größe und den Glanz einer geschulten Radiostimme im Ensembleklang zurück. Ahmad Zahirs Dilak Am von 1972 lenkt das Ohr schließlich auf die kompakte Liedform, von elektrischen Instrumenten geprägte Arrangements und eine populäre Stimme, die weit über den Konzertsaal hinausreichen sollte.

Das Radiostudio

Radio Kabul, später Radio Afghanistan, veränderte grundlegend, wer wen hören konnte. Eine Stimme in der Hauptstadt erreichte nun Menschen in verschiedenen Regionen; an Liveauftritte gewöhnte Musiker lernten die Disziplin des Mikrofons und der vorgegebenen Sendezeit. Ensembles verbanden Instrumente miteinander, Arrangeure fassten Material neu, und regionale Repertoires gingen in eine landesweite Programmfolge ein. Das Studio bewahrte Musik nicht bloß. Es schuf sendefähige Formen und trug zur Entstehung weithin bekannter Künstlerlaufbahnen bei.

Das überlieferte Radioarchiv ist lückenhaft und doch von unschätzbarem Wert. Aufnahmen aus den 1940er- bis 1970er-Jahren bewahren Stimmen, Orchesterfarben und Arten des sprachlichen Ausdrucks, die sonst vielleicht verloren wären. Manche Tonträger benennen die Ausführenden genau, andere begnügen sich mit weiten Regionalbezeichnungen oder lassen selbst grundlegende Angaben aus. Am deutlichsten erhalten blieb der Puls einer Institution, die moderne Populärkultur in Echtzeit hervorbrachte.

Kassetten auf Reisen

Die Kassette löste Musik vom Sendeplan. Tragbar, billig zu kopieren und leicht mitzunehmen, wanderte sie durch Märkte, Wohnungen, Läden und Busse sowie entlang der Migrationsrouten. Afghanische Radiolieder konnten im selben Regal neben indischer Filmmusik, iranischem Pop und lokalen Aufnahmen stehen. Die Zahl der Kopien wuchs, die Reihenfolge der Stücke änderte sich, und eine Darbietung fand womöglich weit entfernt von ihrem ursprünglichen Studio ein neues Publikum.

Für viele Menschen war dies kein minderwertiges Format, sondern der Mittelpunkt ihres Musiklebens. Eine Kassette konnte ein Erinnerungsstück sein, eine Feier begleiten, die Verbindung zur Heimat halten oder anderen Musikern als Vorlage dienen. Während der Jahre von Krieg und Vertreibung gewann Peshawar als Ort der Aufnahme und Verbreitung an Bedeutung. Später setzten digitale Dateien dieselbe Bewegung fort, wobei Angaben zu Mitwirkenden und ursprünglichem Kontext noch leichter verloren gingen.

Die Geschichte von Radio und Kassette erklärt, weshalb afghanische Populärmusik zugleich verwurzelt und kosmopolitisch klingt. Dichtung, professionelle Spieltechnik, regionale Melodik, Kino, Popmusik der Nachbarländer und neue Technologien trafen in Aufnahmen zusammen, die ganz dem Augenblick ihrer Entstehung angehörten. Die daraus hervorgegangenen Lieder ließen die Tradition nicht hinter sich; sie machten sie durch die Geräte, Institutionen und Hörerschaften des modernen Lebens vernehmbar.