Afghanische Musik: Ein Hörführer durch Rubab, Ghazal, Attan und regionale Traditionen
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Kapitel 01

Afghanische Musik in einer Minute

Afghanische Musik beginnt mit vielen Klängen zugleich. Eine Phrase auf der Rubab setzt mit einem festen, holzigen Anschlag ein und hinterlässt das Schimmern ihrer Resonanzsaiten. Die Dambura macht aus wenigen gezupften Tönen ein treibendes Gerüst für den Gesang. Eine Ghazal-Sängerin oder ein Ghazal-Sänger verleiht einem Gedicht durch Atem, Verzierung und melodische Wiederkehr Gewicht. Beim Tanz können Trommeln und Doppelrohrblattinstrumente den Puls in Gang setzen; bei einem häuslichen Treffen halten vielleicht eine Rahmentrommel und einige Stimmen eine ganz andere Form des Beisammenseins zusammen. Radioorchester, Kassetten und digitale Aufnahmen fügen weitere Schichten hinzu. Kein einzelnes Stück kann all das in sich tragen.

Ein Land, das durch seine Orte hörbar wird

Kabul, Herat, der Norden Afghanistans, Badakhshan, Hazarajat, die östlichen Täler und die mehrheitlich paschtunischen Gebiete haben jeweils ihre eigenen Musikgeschichten und ein besonderes Gefüge aus Sprache, Repertoire und Instrumenten. Eine Melodie, die in einem Kabuler Studio erklingt, kann einer regionalen Tradition entstammen und sich durch die Orchestrierung verändert haben. Lauten aus derselben bekannten Instrumentenfamilie können in Herat, Bamyan oder im Norden unterschiedlich gebaut und gespielt werden. Und hinter derselben Bezeichnung für einen Tanz können mehrere örtliche Formen stehen statt eines einzigen festgelegten Ablaufs.

Diese Landkarte reicht über Afghanistans Grenzen hinaus. Repertoires, Gedichte und Instrumentenfamilien verbinden das Land mit Iran, Pakistan, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan und Indien. Gewachsen sind diese Beziehungen durch Reisen, Handel, höfisches Leben, Pilgerfahrten, Migration, Rundfunk und künstlerischen Austausch. Man hört sie in melodischen Systemen und dichterischen Formen, in der Besetzung von Ensembles und in den Wegen, die Musikerinnen und Musiker zurücklegen. Gleich werden die miteinander verbundenen Traditionen dadurch jedoch nicht.

Sprache, Dichtung und Anlass

Die Sprache verändert die Färbung und die Bedeutung eines Liedes. Persisch und Paschtu prägen viele weithin verbreitete afghanische Aufnahmen; zum größeren musikalischen Bild gehören ebenso Hazaragi, Usbekisch, Turkmenisch, Pashai und weitere Sprachen. Wer zuhört, reagiert womöglich zunächst auf eine Stimme, ohne jedes Wort zu verstehen. Dennoch ordnet die gesungene Sprache eine Darbietung bestimmten Publikumskreisen, historischen Zusammenhängen und Ausdruckstraditionen zu. Im Ghazal steht die Dichtung im Mittelpunkt; im Tanzrepertoire können Rhythmus und gemeinschaftliche Bewegung nach vorn treten; in regionalen Erzählliedern liegt das Herz der Darbietung oft im Verhältnis zwischen Stimme, Text und örtlicher Erinnerung.

Ebenso entscheidend ist der Anlass. Musik für eine Hochzeit, ein Teehaus, ein privates Zimmer, einen Tanz im Freien, ein Radiostudio oder einen internationalen Konzertsaal folgt jeweils anderen Gesetzen. Ein knappes Rundfunkarrangement hat eine andere Gestalt als eine ausgedehnte instrumentale Darbietung. Eine häusliche Aufnahme bewahrt neben der Melodie auch den Raum um die Musizierenden. Ein für die Bühne inszenierter Attan kann aus einem Gemeinschaftstanz eine Darbietung vor Publikum machen. Diese Kontexte bilden keine Rangordnung vom Informellen zum Verfeinerten; jeder eröffnet Musikerinnen und Musikern eigene Möglichkeiten.

Die Bezeichnungen auf einer Playlist

Sammelbegriffe wie Volksmusik, Klassik, traditionelle oder populäre Musik können helfen, eine Sammlung zu ordnen. Die afghanische Praxis hält sich jedoch nur selten an deren Grenzen. Berufsmusiker haben regionale Melodien aufgegriffen, populäre Sängerinnen und Sänger aus Dichtung und geschulter Musikalität geschöpft, Radioensembles lokales Material für ein landesweites Publikum neu gefasst. Indische Filmmusik, iranischer Pop, afghanische Lieder und lokale Kassettenaufnahmen zirkulierten Seite an Seite. In vielen Haushalten oder auf Märkten begegnen Hörerinnen und Hörer diesen Welten gemeinsam – nicht getrennt wie in verschiedenen Museumsvitrinen.

Die Rubab ist das bekannteste Sinnbild, doch sie sollte die Tür öffnen und nicht für das ganze Haus stehen. Dutar, Dambura, Tanbur, Ghichak, Sarinda, Tabla, Zerbaghali, Rahmentrommeln, Dhol, Sornai, Zurna und Harmonium führen zu anderen Räumen, Regionen und Anlässen. Die Stimmen weisen noch weiter: zur häuslichen und professionellen Musik von Frauen, zu den Traditionslinien von Kharabat, zu Radiostars, lokalen Dichterinnen und Dichtern und zu Musikschaffenden im Exil.

Der schnellste Weg in die afghanische Musik führt deshalb über Kontraste. Man stelle ein Rubab-Solo neben ein Ensemble aus Herat, einen Kabuler Ghazal neben ein Dambura-Lied aus dem Norden, eine Attan-Darbietung neben ein Radioarrangement und eine historische Aufnahme neben ein Konzert der Diaspora. Die Unterschiede in Klangfarbe, Sprache, Zeitgestaltung und Publikum lassen das Musikleben eines Landes deutlicher hervortreten, als es ein einziges nationales Etikett je könnte.